von H. Götte
1) Einleitung
„4chan.org“ ist ein nordamerikanisches Image-Board, auf dem sich in einem bestimmten Unterforum neben eigenen Codes auch eine aktive Nutzerkultur heraugebildet hat. Aktiv meint hier z. B. spontan auftretende Einfälle hunderter Benutzer auf anderen Webseiten, mit dem Ziel diese zu stören.
Neben einer möglichst genauen Darstellung dieser Community, die ausser ihrem eigenen Slang auch eine eigene Sprache durch die veröffentlichten Bilder entwickelt hat, soll es um die spontanen Überfälle auf andere Internetseiten (sogenannte „Raids“) gehen. Desweiteren soll versucht werden die Aneignungspraktiken, die auf technologischer und ideeller Ebene stattfinden, herauszuarbeiten und mit Hilfe der Cultural Studies einzuordnen. Hierbei besteht eine wesentliche Schwierigkeit in der Unfassbarkeit dieser virtuellen Community, denn zu den Grundsätzen der Benutzer gehört es anonym zu bleiben und nicht zu verraten wer sich hinter dem Nickname „Anonymous“ verbirgt. Dies macht es schwer allgemein gültige Aussagen zu treffen. Außerdem handelt es sich um eine lose Gemeinschaft, an der jeder teilnehmen kann, der möchte. Über die persönliche Motivation der Teilnehmer und ihre Interessen soll es in dieser Arbeit also weniger gehen, ebenso wie um die sich aktuell gebildete „Anonymous“ Bewegung gegen Scientology. Sie hat ihre Wurzeln zwar auch auf „4chan.org“, jedoch würde eine eingehende Untersuchung den Umfang dieser Arbeit überschreiten.
Vielmehr soll untersucht werden, wie bestehende Strukturen und Kulturen des Internets durch die Benutzer aufgenommen und verarbeitet werden. Diese praktische Form der Aneignung ist für Boards und Portale im Internet nicht unüblich, bei „4chan.org“ wird sie jedoch auf die Spitze getrieben und überschreitet durch bewusste Provokationen nicht selten die Grenzen gesellschaftlicher Wertvorstellungen. Zudem werden die Grenzen des Internets nur selten verlassen, hierher kommen die Fotos, über die sich lustig gemacht wird, die Seiten, die überfallen werden oder die Videos, die wiederum bestimmte Reaktionen hervorrufen. Das Fachmagazin „c`t“ überschrieb einen Artikel über das Board daher als „Das Trollparadies“ (Himmelein 2008, S. 98). Dies ist eine weitere zentrale Frage die untersucht werden soll, in welcher Hinsicht die Nutzergemeinde dieser Homepage als „Trolle“, also Störenfriede zu gelten hat oder ob es sich eher um bewusste, vielleicht sogar politische oder sozialkritische, subversive Täter handelt. Da dies untrennbar mit der generellen Frage nach einer Einordnung der Handlungs- und Aneignungspraktiken dieser Benutzergemeinde verwoben ist, ist eine eingehende Untersuchung anhand von Aneignungs- und Rezeptionstheorien elementar.
2) Allgemeines über „4chan.org“
Die Fotocommunity „4chan.org“ wurde am ersten Oktober 2003 von dem Gründer mit der Selbstbezeichnung „moot“ (Beckedahl 2008) gegründet und ist heute das „größe englischsprachige Image-Board im Web“ (Himmelein 2008, S. 98). Es adaptiert technisch das japanische Image-Board „Futuba Channel“ und ist im Vergleich zu modernen Foto-Communities wie „Flickr.com“ oder „View.de“ softwaretechnisch veraltet. So bietet es keine Möglichkeit ein Benutzerprofil oder eine personalisierte Startseite zu erstellen, nicht einmal die Möglichkeit sich zu registrieren existiert. Mittlerweile werden über vierzig verschiedene Unterkategorien angeboten, die von Waffen über Autos, Reisen und Fitness bis hin zu Pornographie und Mangas reichen. Die Startseiten der Unterkategorien bieten eine Übersicht über die neuesten Threads
mit Foto und eventuell einigen Kommentaren. Die neuesten zehn bis fünfzehn Threads werden durch einen Klick auf „Reply“ aufgerufen und können dann als Ganzes betrachtet werden, schnell mehrere hundert Einträge und Fotos lang. Insgesamt gibt es zehn dieser Übersichtsseiten, wobei ein Thread wieder an die erste Stelle auf der ersten Seite gelangt wenn er einen neuen Eintrag hat. Ist dies nicht der Fall, wandert der Thread langsam auf die letzte Seite, bis er schließlich gelöscht wird.
Die Unterkategorie „Random“, um die es in dieser Arbeit im besonderen gehen soll, wird von seinen Benutzern auch „/b/“ genannt und unterscheidet sich maßgeblich von den anderen Kategorien. Zum einen weil hier kein spezielles Thema vorgegeben ist, zum anderen ist es das größte Unterforum mit durchschnittlich 150 000 Beiträgen am Tag (Beckedahl 2008). Außerdem greifen die Moderatoren nur bei extremen Gesetzesverstößen wie Kinderpornographie ein, während Beiträge in den anderen Unterkategorien auch auf Relevanz zum Thema und ziviler Ausdrucksweise hin untersucht werden (vgl. Himmelein 2008, S. 99). Die Benutzer des „/b/“ Unterforums nennen sich selbstironisch „/b/tards“ in Anlehnung auf „retards“, was auf englisch so viel wie „Dummkopf“ bedeutet (Himmelein 2008, S. 99)
2.1) Das Unterforum „/b/“
Die Möglichkeit zur Anonymität, Bilder aus jedem Zusammenhang zu veröffentlichen, die liberale Moderationspolitik und der simple Aufbau der Seite haben dazu geführt, dass sich ganz bestimmte Formen bei den Benutzern durchgesetzt haben um miteinander umzugehen. Dadurch, dass sich niemand durch sein Profil oder seinen Nickname hervortun kann, versuchen die Benutzer dies mit ihren Bildern, Geschichten oder (bearbeiteten) Fotos. So findet sich in dem „/b/“ Unterforum Bilder jeglicher Form von Pornographie, Leichen, Unfallopfern, Krankheiten aber auch von Haustieren, den Nachbarn, Sportereignissen oder Screenshots. Hauptkriterium für einen Beitrag ist dabei die Frage, ob er geeignet ist für „lulz“
zu sorgen und möglichst große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es wird sich grundsätzlich über jedes Thema lustig gemacht. Dabei sind der Nutzergemeinde alle Mittel recht, je größer der Schockeffekt oder je origineller die Idee um so mehr Beachtung wird der Beitrag in der Regel finden. Prinzipiell existiert hierbei kein Tabu, so wird gerne ein von einem Web 2.0 Dienst geklautes Foto einer jungen Frau mit einer Sexgeschichte samt ihrer persönlichen Daten veröffentlicht und dazu aufgerufen, sie mit Anrufen oder E-Mails zu belästigen oder es werden Witze über Dunkelhäutige und Juden gemacht. Da jedoch im Sekundentakt neue Beiträge erstellt werden, nimmt die Nutzergemeinde neue schockierende Beiträge jedoch „eher mit gepflegter Langeweile entgegen“ (Himmelein 2008, S. 99), und die „Threads“ wandern schnell auf die letzte Seite, bevor sie kurz darauf gelöscht werden. Die erfahrenen Nutzer des „/b/“ Unterforums auf „4chan.org“ erfreuen sich besonders an den schockierten Reaktionen von Nutzern die neu auf die Seite gekommen sind. Kommt einem Beitrag dennoch Aufmerksamkeit zu, dann zieht sich der Diskussionsfaden schnell über mehrere hundert Beiträge hin und die besondere Form des Image-Boards macht es möglich, dass sich Benutzer gegenseitig in Bildern antworten können. Dies führt von Beiträgen, die ein gelangweiltes oder entsetztes Gesicht zeigen, bis hin zu regelrechten Comics, bei denen eine Geschichte durch jedes weitere Bild mit kurzem Kommentar weitergesponnen wird.
Auch der Ursprung der „lolcats“ wird „4chan.org“ zugeschrieben (vgl. Himmelein 2008, S. 99 und Beckedahl 2008). Dies sind Bilder von Katzen, die mit einem Spruch oder einem Satz versehen sind. Sie wurden hauptsächlich Samstags von den Benutzern veröffentlicht, was die Community dazu veranlasste den „caturday“ auszurufen (Himmelein 2008, S. 99). Mittlerweile spielt dieser auf dem Board aber keine so große Rolle mehr, dafür erfreuen sich die „lolcats“ auch über „4chan.org“ hinaus einiger Popularität im Internet.
Ein weiteres klassisches Motiv sind schwarz umrandete Bilder mit zwei Zeilen weißer Schrift unter dem Bild. Sie lehnen sich an sogenannte „motivationals“ an, Bilder mit Sprüchen aus der Firmenphilosophie, die in Nordamerika Mitarbeiter in Büros motivieren sollen. Auf „4chan.org"“ kommentiert der Text zumeist das eingefügte Bild, etwa wird ein Polizist, der einem jungen Mann eine Pistole an den Kopf hält, mit den Worten kommentiert „Aufmerksamkeit – jetzt hab ich sie“. Ganze Diskussionsstränge bestehen nur aus diesen Bildern, die formalen Kriterien werden dabei fast immer eingehalten.
Genannt werden derartige Motive genau wie die Katzenbilder „memes“, ein auf Richard Dawkins zurückgehender Begriff aus der Evolutionstheorie, der kulturelle Grundbausteine bezeichnet, welche durch gesellschaftliches Handeln konstituiert und reproduziert werden (vgl. Himmelein 2008, S. 99). Neben diesen beschriebenen, immer wieder auftauchenden „memes“, gibt es jedoch unzählige weitere und jeden Tag kommen neue hinzu. Durch die Kurzlebigkeit der Beiträge lassen sie sich jedoch kaum erfassen.
Ein etwas weniger bekanntes „meme“ stellt der „4chan party van“ dar. Er symbolisiert die Vorstellung einer Observation durch eine staatliche Strafverfolgungsbehörde mittels schwarzem Kleinbus und kam im Zuge einer Bombendrohung auf „4chan.org“ auf, die tatsächlich durch die Behörden verfolgt wurde. Denn nicht nur manche hochgeladenen Bilder überschreiten die Grenze zur Legalität, eine beliebte Tätigkeit der Nutzer besteht auch darin, sich in Foren für Jugendliche als junges Mädchen auszugeben und Pädophile anzulocken, um diese zu einem Treffen zu bewegen, bis ihnen eröffnet wird, dass sie gerade von der Polizei überführt wurden. Die Protokolle dieser Unterhaltungen werden dann bei „4chan.org“ gepostet und sich über die Reaktion der vermeintlichen Pädophilen lustig gemacht.
Doch die Aktivitäten der „4chan.org“ Nutzergemeinde beschränken sich nicht auf ihre Herkunftsseite. Im Verlaufe sogenannter „Raids“ fallen hunderte Nutzer unter dem Namen „Anonymous“ auf bestimmte Webseiten ein und sabotieren diese. Meist wird eine technische Sicherheitslücke ausgenutzt, die es den Angreifern einfach macht oder aber das Ziel ist in den Augen der „4chan.org“ Community einfach ein lohnenswertes. So ist die internationale, grafische Chat-Umgebung „Habbo Hotel“ bereits mehrfach das Ziel von Angriffen gewesen. Hierbei nutzte die „Anonymous“-Community die Tatsache, dass sich die Pixelavatare einander im Weg stehen können und bestimmte Bereiche der virtuellen Welt wurden kurzerhand blockiert. Den Betreibern blieb nur die Möglichkeit, die Server vom Netz zu nehmen (vgl. Himmelein 2008, S. 100). Für die „4chan.org“ Gemeinde ein „epic win“, ein „legendärer Sieg“.
Ebenso erging es dem Komiker Tom Green und dem Radiomoderator Hal Turner, beide boten in ihren Sendungen die Möglichkeit anzurufen, was die „4chan.org“ Gemeinde massenhaft tat. Während Tom Green in seiner Sendung laut „four chan“ rief und der Community somit einen weiteren „epic win“ verschaffte, veröffentlichte Hal Turner die Telefonnummern der Anrufer. Daraufhin wurden Turners private Kontaktdaten im Internet veröffentlicht und eine neue Flut von Spaßanrufen brach über ihm herein, bis er aufgab.
Regeln existieren lediglich im Sinne einer Übereinkunft, im Internet nicht zu verraten, dass der „Raid“ von „4chan.org“ ausgeht. Sie lehnen sich an den Film „Fight Club“ an: „First rule, do not talk about 4chan. Second rule, do not talk about 4chan.“ (Himmelein 2008, S. 98) und werden um die regeln drei bis fünf erweitert: „3. We are Anonymous. 4. Anonymous is legion. 5. Anoymous never forgives. 6. Anonymous can be a horrible, senseless, uncaring monster.“ (Himmleien 2008, S. 100). Sie sind jedoch nicht auf „4chan.org“ nieder geschrieben, sondern auf externen Internetseiten und dienen vor allem dazu neue Nutzer einzuweisen. Die Einhaltung dieser Regeln ist zudem fraglich, zu groß und heterogen ist die Community.
3) Praktiken des Handelns und des Konsums
Im Folgenden soll es um eine Aufarbeitung der bisher dargestellten Sachverhalte unter Rückgriff auf Rezeptions- und Aneignungstheorien der Cultural Studies gehen. Dies soll in drei Schritten geschehen. Zunächst wird untersucht, was unter medientheoretischen Gesichtspunkten in der „4chan“ Gemeinde passiert und wie das Image-Board spezifisch seines Inhaltes funktioniert. Anschließend geht es um die Praktiken der Nutzer und in welcher Art sie mit dem virtuellen Strukturen und Inhalten des Internets umgehen, um abschließend ihr Handeln zwischen Subversivität und „Trollerei“ abzuwägen.
3.1) Intern
Auf den ersten Blick erscheint das Image Board „4chan.org“ als "Apparat" (vgl. de Certeau 1988, S. 80), als geschlossene Einheit, gegenüber dem der Nutzer zunächst seine Autorenrechte abgegeben hat und zum reinen Empfänger wird, „zum Spiegel eines vielgestaltigen und narzißtischen Akteurs.“ (de Certeau 1988, S. 80). Dies muss chronologisch gesehen werden, denn auch wenn dank interaktiver Aufweichung der "Apparat" technisch gesehen den Betrachter nicht dazu determiniert zu konsumieren, sondern ihn geradezu einlädt, Teil seiner selbst zu werden, so gilt es trotzdem zunächst die Hürde der Codes zu überwinden. So gesehen die Sprache zu erlernen, die „4chan.org“ spricht. Dieser erste Prozess relativiert sich jedoch ab der ersten Sekunde selbst. Denn schließlich gibt es keine eindeutige, absolute Dechiffrierung der Codes, lediglich eine Annäherung in Verbindung mit eigenen Projektionen aus der eine Lesbarkeit hervorgeht, die grundsätzlich subjektiv sein muss. Dabei geht der Nutzer implizit gleich den nächsten Schritt: „Er ergänzt das System durch seine Erfahrung – und durch diese Kombination schafft er sich einen Spielraum zur Benutzung der aufgenötigten Ordnung des Ortes oder der Sprache.“ (de Certeau 1988, S. 79). Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob der Rezipient aktiv eingreift oder, wie im Falle von „4chan.org“ auch sehr gut möglich, das Geschehen nach kurzer Zeit wieder verlässt. Dieser Prozess des sich „Spielraum“ Verschaffens ermöglicht erst ein eigenes Werturteil. Gerade im Unterforum „/b/“ ist dieser Prozess sogar Teil des Spektakels, da die durch den zum Teil anstößigen Inhalte hervorgerufenen abweisenden Reaktionen von Besuchern der Seite bewusst lanciert werden und den restlichen Nutzern zur Unterhaltung dienen.
Greift der Rezipient jedoch daraufhin aktiv ein, so stellt er das Ergebnis seines Prozesses, seiner „Kombination“ wiederum den anderen Nutzern zu Verfügung und der Kreislauf setzt sich fort. Darin geht es jedoch nicht um „den Autor als sprechendes Individuum, das einen Text gesprochen oder geschrieben hat, sondern um den Autor als Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts.“ (Foucault 1991, S. 20). Gerade in „/b/“ gibt es eine ständige, kreislaufartige Wiederholung vieler Inhalte in meist nur leicht modifizierter Form. Dennoch können die Nutzer die Gesamtheit der Beiträge nicht erfassen und so sind ihre Beiträge immer nur die „Gruppierung“ der für sie persönlich populären Texte. Die Inhalte werden so also ständig konsumiert, „kombiniert“ und tauchen nach dieser Form der Aneignung als mit neuer Bedeutung aufgeladenes Produkt wieder auf. Die „4chan.org“ Community hat sogar einen Namen für diesen Prozess: "copypasta". All dies vollzieht sich vor dem Hintergrund mit seinem Produkt „lulz“ oder Schockwirkung hervorzurufen.
Dies lässt sich an geposteten Bildern veranschaulichen, die innerhalb kürzester Zeit mit einem Grafikprogramm am Computer bearbeitet wurden und so einen neuen Bedeutungszusammenhang besitzen und gleichzeitig einen neuen „lulz“ Charakter, eine neue Pointe wieder in dem Thread auftauchen. Aber auch die „lolcats“ oder die „motivationals“ sind Formen, die als solche reproduziert werden, während sie vom Nutzer inhaltlich mehr oder weniger neu aufgeladen werden. Wie dieser neue Inhalt zustande kommt ist wiederum mit der persönlichen Lesart der Codes verwoben: „Die Leseaktivität enthält tatsächlich alle Züge einer stillen Produktion: das Überfliegen einer Seite, die Metamorphose des Textes durch das wandernde Auge, Improvisation und Erwartung von Bedeutungen, die von einigen Wörtern ausgelöst werden, das Überspringen von Schrifträumen wie in einem flüchtigen Tanz. [...] Er [der Leser – Anm. d. Verf.] führt die Finten des Vergnügens und der Inbesitznahme in den Text eines Anderen ein: er wildert in ihm, er wird von ihm getragen und mitgerissen, er vervielfacht sich in ihm wie das Rumoren der Organe. [...] An die Stelle des Autors tritt eine völlig andere Welt (die des Lesers). Durch diese Mutation wird der Text bewohnbar wie eine Mietwohnung.“ (de Certeau 1988, S. 26ff). Der von Michel de Certeau hier beschriebene Aneignungsprozess besteht also nicht alleine aus der Projektion des „Eigenen“ auf einen beliebigen Text, sondern vielmehr im komplexen Vorgang des „Wilderns“, also auch der Jagd nach neuen Informationen. Im Falle von „4chan.org“ sind diese Vorgänge anhand der zahlreichen Beiträge und Threads mit ähnlichen, aber doch anders kontextualisierten und pointierten Sinnzusammenhängen gut zu erkennen. Dies alles spielt sich dabei hauptsächlich vor dem Hintergrund ab den „bissigsten“, ironischsten oder schockierendsten Beitrag zu verfassen. Die Texte werden dabei hauptsächlich so „verarbeitet“, dass sie lächerlich gemacht werden oder sich selbst entlarven.
3.2) Extern
Doch „4chan.org“ ist ohne restliches Internet nicht vorstellbar. Es speist sich aus der weltweiten Datenflut und es bedarf nicht einmal besonders anstößigen oder kuriosen Inhalten um „verwendet“ zu werden. Die wenigsten der veröffentlichten Bilder sind eigene Fotos, dies widerspräche nicht nur dem Gedanken der Anonymität, sondern ist auch schlicht nicht nötig, da sich im Internet so gut wie jedes Motiv finden lässt.
Es verhält sich mit den Inhalten, den „Texten“ auf anderen Seiten des Internets genau wie mit den Einträgen auf „4chan.org“. Sind die Texte für den Nutzer bezüglich den Spezifika eines „lulz“ nach de Certeau „bewohnbar“, so werden sie „verwendet“. Der Text muss dabei weder aus Buchstaben, noch aus Bildern bestehen. Ebenso kann eine Livesendung mit Anrufmöglichkeit oder eine Internetcommunity wie das „Habbo Hotel“ der andere Text sein, den es sich anzueignen gilt. Unter diesem Aspekt wird nämlich in beiden Fällen der gegebene Text einem Zweck zugeführt, für den er ursprünglich nicht gedacht war, „[...] er befindet sich , im ureigensten Sinne des Wortes, jenseits seiner eigenen Kontrolle.“ (Fiske 1997, S. 66). Das „Sich-Zu-Eigen-Machen[s]“ (Hepp 1999, S. 164) funktioniert hier gleich. Durch „Sabotage“ erfolgt eine Bedeutungsverschiebung eines in dem Sinne neutralen Objekts, als dass es die erfolgte Aneignung durch Dritte nicht forciert hat. Dies funktioniert auf der technischen Ebene ebenso wie auf der Ebene der Bedeutungsproduktion. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Aneignung einer Communitystruktur wie beim „Habbo Hotel“ lediglich temporär erfolgt, während sie bei der „Verwendung“ von Texten aus dem Internet prinzipiell zeitlich nicht begrenzt ist
. Das Einfallen auf andere Webseiten, die sogenannten „Raids“, sind so gesehen also nur eine transformierte Form der auf „4chan.org“ vollzogenen Aneignung. Denn auch sie sind Texte: „Er überläßt sich, widerwillig auch immer, den Verwundbarkeiten, Grenzen und Schwächen seiner bevorzugten Lesart. [...] Er hat lose Enden, die sich seiner Kontrolle entziehen, sein Bedeutungspotential übertrifft seine eigene Fähigkeit, dieses zu disziplinieren, seine Lücken sind groß genug, um neue Texte in diesen entstehen zu lassen [...]“ (Fiske 1997, S. 66).
Doch auch die Form unter dem gleichen Pseudonym, „Anonymous“ aufzutreten wird reproduziert. Dieser Praxis kommt noch eine weitere Bedeutung zu, als nur anonym zu sein: „Ist der multiple Namen auch als Ausdruck von Anonymität nur eine Leerstelle, ein Zeichen ohne eigene Bedeutung, so kann er doch zu einer Signifikanten werden, wenn er sich mit einer bestimmten, erkennbaren und abgrenzbaren Praxis verknüpft. [...] Die Praxis der Einzelnen wird durch den kollektiven Mythos mit Kraft ausgestattet und reproduziert diesen sogleich.“ (Blisset, Luther/Brünzels, Sonja/ autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2001, S. 38). Dieser „kollektive Mythos“ wiederum entfacht eine immanente Dynamik, mit der die Community immer wieder neue „Raids“ durchführt. Der „Mythos“ trägt so zur Gruppenkonstitution bei und konstituiert sich sogleich selbst. Aus der technischen Begebenheit, als „Anonymous“ seine Beiträge zu veröffentlichen, haben die Nutzer eine prägende, gruppenbildende Signifikante gemacht.
Technisch gesehen greift die „4chan.org“ Community dabei auf Lücken zurück, die die Seiten ihnen offen lassen, etwa eine besonders einfache Registrierung. Gibt es dabei einen Fehler, etwa im Zugangssystem oder die Daten eines Benutzers werden samt Passwort bekannt, so wird dies im „/b/“ Unterforum öffentlich gemacht und ausgenutzt.
3.3) Motivation
Über die allgemeinen Motive der Benutzer lässt sich an dieser Stelle nur mutmaßen, jedoch verraten einige Beiträge Hinweise auf eine moralische Empörung über die Formen, mit denen im Internet Geld verdient wird. Beispielsweise beim „Habbo Hotel“, bei dem es auch extra Zugänge mit erweitertem Funktionsumfang gibt, die Geld kosten. Auch Institutionen oder Organisationen, die den freien Zugang zum Internet und Informationen beschneiden wollen, fallen unter die „Feinde“ der „4chan.org“ Community. Sie werden „lulzkiller“ genannt, also „Spielverderber“. An dieser Stelle wird offensichtlich, dass Spaß und moralische Ansprüche miteinander verbunden zu seinen scheinen. Die Bedeutungsproduktion in den Aneignungsprozessen der Community offenbaren dagegen einen deutlichen Schwerpunkt auf den „lulz“. Eine moralische Offenlegung und Entlarvung eines Textes, wie z. B. bei den „motivationals“ ist dabei entweder zufällig entstandenes Beiwerk oder aber die notwendige Pointe, also Mittel zum Zweck. Ebenso verhält es sich mit der Frage nach bewusster Subversion oder sozialkritischer Motivation der Benutzer. Ihr Handeln kann eine derartige subversive Sprengkraft theoretisch enthalten, der kritische Gehalt ist in ihrem Handeln nach moralischen Kategorien und zugute eines „lulz“ jedoch nicht grundsätzlich angelegt oder gar notwendige Bedingung. Über eine undefinierte, moralische Verurteilung bestimmter Akteure kommt die „4chan.org“ Community nicht hinaus. Sie kann wie beim „Habbo Hotel“ zusammen mit anderen Voraussetzungen der Auslöser beispielsweise eines „Raids“ sein, jedoch lediglich zugunsten der „lulz“ und nicht etwa einem tiefgreifenderem Ziel.
4) Fazit
Das Phänomen „4chan.org“ ist aus medientheoretischer Sicht ein höchst aktives und umtriebiges Beispiel für eine sich verselbstständigte Internetkultur. Auch wenn im Rahmen dieser Arbeit nur die Funktionsweise der Bedeutungsproduktion anhand der internen und externen Inhaltsbildung untersucht wurde, ist der Gegenstand „4chan.org“ in seiner Gänze für weitere Forschung nicht nur bezüglich der Rezeptions- und Aneignungspraktiken interessant. Anknüpfungspunkte könnten hier die „Anonymous“ Bewegung gegen Scientology und Internetzensur oder aus soziologischer Sicht die Motive und Lebensrealitäten der Benutzer bilden.
Eine derartige Untersuchung einer Internetcommunity erweist sich grundsätzlich als schwierig, weil eindeutige Thesen aufgrund der Unfassbarkeit der Benutzer und mangels bisheriger wissenschaftlicher Untersuchungen nur bedingt zu verifizieren sind.
Trotz der technischen Rückständigkeit der Webseite hat sich mit den verschiedenen „memes“, dem Umgang untereinander oder den „Raids“ eine sehr aktive Benutzergemeinde gebildet. Diese speist sich hauptsächlich aus den Texten, die ihnen das Internet selbst liefert. Aber auch gesellschaftliche Themen wie Internetzensur oder die „motivationals“ werden aufgegriffen und durch die Nutzer „verwendet“. „4chan.org“ spiegelt somit auch die Gesellschaft, besonders die „virtuelle“ Gesellschaft des Internets, wieder. Dies geschieht durch die Aneignung dieser Kultur selbst, was sich in einer überspitzten, ironischen und von einem teils fragwürdigem Humor gekennzeichneten Darstellung wiederspiegelt. Der eigentlich kritische Gehalt, nicht zuletzt Auslöser diverser Auseinandersetzungen mit bestimmten Themen, geht dabei verloren. Auf Kosten des der Community höchsten Ziels, den „lulz“, wird jeder noch so ernste Sachverhalt mit Schadenfreude ausgekostet. Getreu dem Motto mit dem sich die „/b/tards“ gegenseitig anfeuern: „do it for the lulz!“, bleibt „4chan.org“ ein Board für hochaktive und zugleich unproduktive Verweigerer und Störer, ein „Trollparadies“ (Himmelein, S. 98).
Literaturverzeichnis:
Beckedahl, Markus (2008): „4chan und Anonymous vs. Scientology“. In: netzpolitik.org, 17. Juni 2008. URL: http://netzpolitik.org/2008/netzpolitik-podcast-058-4chan-und-anonymous-..., 20. August 2008
Blisset, Luther/Brünzels, Sonja/ autonome a.f.r.i.k.a. gruppe (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla. 4. Aufl. Berlin: Assoziation A.
de Certeau, Michel (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve.
Fiske, John (1997): Populäre Texte, Sprache und Alltagskultur. In: A. Hepp/R. Winter (Hg.) Kultur - Medien - Macht: Cultural Studies und Medienanalyse. Opladen: WDV, S. 65-84.
Foucault, Michel (1974): Die Ordnung des Diskurses. München: Hanser.
Hepp, Andreas (1999): Cultural Studies und Medienanalyse - Eine Einführung. 2. Aufl. Wiesbaden: VS
Himmelein, Gerald (2008): „Das Trollparadies - Eine Internet-Subkultur entwickelt sich vom Web-Störenfried zur globalen Bewegung“. In: c‘t - Magazin für Computertechnik. Jg. 25, Heft 6, S. 98-103.
Comments
verrückt
4chan und Kommunikationsguerilla in einem Topf? Auf sowas muss man erstmal kommen
The Game
You just lost it.
Hm, 4chan hat nicht nur /b/
Hm, 4chan hat nicht nur /b/ als einziges Board, und "4chan.org" ist deshalb auch nicht gleichzusetzen mit /b/.
the game
do it faggot!
Rules 1 & 2, faggots!
Rules 1 & 2, faggots!
only on raids, newfag!
only on raids, newfag!
EPIC FAIL
RULE ONE AND RULE TWO ARE NOT ONLY ON RAIDS
EPIC NERD
you are so clever, you deserve a bucket full of shit
what's this for shit?
what's this for shit?
tl:dr
tl:dr
Newfags
was ist /b/?
rule 34? rule 34
I hate samefags. You are as
noko
bump
RULE 4
WE ARE LEGION!
Der Taucher im falschen Element...
Der werte Herr Author versteift sich in vielen seiner Aussagen zum leidwesen des Lesers sehr auf , zugegeben , medienwirksame Facetten der 4chan-Kultur.
Andere teilweise tiefgreifende Metaphern und moralische Wertvorstellungen dieser Kultur sind scheinbar spurlos an Ihm vorrüber gegangen
4chan ist nichts weiter als ein Spiegel der Gesellschaft mit all seinen Abgründen und Tiefen , wie auch seiner Höhenflüge. Würde sie 1000 x-beliebige Menschen aus einer x-beliebigen Gesellschaft zu diesen moralisch fragwürdigen Themen befragen ,oder Ihnen Zugang dazu ermöglich und würden diese wiederrum EHRLICH antworten ... hätten sie 4chan (Zugegeben heruntergebrochen auf eine internetaffine Generation).
We are anonymous.
We are legion.
We are you.
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