Wieder nicht weiter nachgedacht als das, was man ohnehin schon kennt. Es geht den Piraten nicht um anarchische Freiheit, nicht um digitale Freibeuterkultur. Auf dem Bundesparteitag am 5. Juli, also letzten Sonntag, wurde es unter ausgelassenem Applaus bestätigt: "Wir sind keine Partei der Umsonstkultur!"
Hier offenbart sich eine kulturelle Spaltung die du nicht verstanden hast: Mit "frei" meinen (nicht nur) die Piraten nicht ein "frei" wie in "Freibier", sondern wie in "freie Entfaltung". Um mal zwei Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu zitieren:
Artikel 22: Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuß der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.
Artikel 27: [1.] Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.
[2.] Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.
An Absatz 2 von Artikel 27 zeigt sich eine scheinbare Einschränkung des Vorherigen - das ist aber nur dann der Fall, wenn man annimmt, die materiellen Interessen des Urhebers ließen sich nur durch künstliche Verknappung, nämlich die Einrichtung eines Kopiermonopols, erzielen. Und ja, es ist künstliche Verknappung, ganz gleich wie man zu einer mutmaßlichen Notwendigkeit dieser steht. Eine digitale Kopie anzufertigen verursacht effektiv keine Kosten. Und hundert digitale Kopien sind effektiv nicht mehr wert als eine. Ein virtueller Wert entsteht erst dann, wenn sich entweder die Kopien in einem produktiven Prozess nutzen lassen (was ein Wert für die Gesellschaft und nicht den ursprünglichen Urheber darstellt) oder aber sie durch Kriminalisierung der Kopie (und damit der Umwandlung des Urheber- in ein Kopierrecht) diesem Prozess entzieht.
Bis auf misanthropische Objektivisten, die durch die Piraten keine Stimme haben, will niemand den Schaffenden das eigene Leben erschweren. Nur ist die Kopierbeschränkung dafür eine denkbar schlechte Idee. Denn die einzige technische Möglichkeit der Durchsetzung dieser Beschränkung in Anbetracht der vorhandenen informationstechnischen Infrastruktur ist die totale Überwachung, nicht nur online, sondern überall. Wer das befürwortet ebnet den Weg in die Despotie. Und die Unterdrückung von Menschen und die Missachtung ihrer grundlegenden Rechte wegen technischem Fortschritt und einem irrationalen Festhalten an bestehende Geschäftsmodelle einiger Verwerterrechtsfetischisten kann und will ich nicht zulassen. Aus diesem Grund bin ich Pirat. Menschenrechte dürfen nicht dem Profitstreben zum Opfer fallen.
Es gibt nur drei Alternativen. Entweder verwehrt man sich jeder Änderung und in spätestens zwanzig Jahren bleiben nur die anderen beiden Alternativen übrig. Oder man versucht die Änderung des Gesellschaftsmodells durch autoritäre Zwangs- und Überwachungsmaßnahmen zu verhindern, wodurch man zwangsläufig ebenfalls das Gesellschaftsmodell hin zur Despotie verschiebt. Oder man stellt sich wirklich den Herausforderungen des Fortschritts und beginnt diesen als Chance zu begreifen. Alles andere führt letztendlich zu einer dieser drei (eigentlich zwei) Alternativen.
Die einzig sinnvolle und menschlich vertretbare Antwort auf den technischen Fortschritt und aus ihm folgend die universelle unbegrenzte Kopierbarkeit immaterieller Güter ist kultureller Fortschritt, und mit ihm eine Anpassung der Produktionsmethoden, bis hin zur Infragestellung des vorherrschenden Produktionsmodus. Kunst, Literatur und Musik haben vor einem restriktiven Urheberrecht existiert und werden es auch danach. Software hat sich unabhängig der Gesetzeslage ebenfalls außerhalb dieses Systems entwickelt, und hätte es auch gar nicht anders können. Patente und Kopierrechtsbeschränkungen können Sinn machen, sind aber in den heute geltenden Zeitintervallen eindeutig fortschritts- und produktionshemmend und damit, in ihrer heutigen Form, nicht mehr legitimierbar.
Kooperativ-kompetetive Produktionsformen, wie sie wissenschaftliche Arbeit seit Jahrhunderten beflügeln, und angefangen bei der Freie-Software-Bewegung heute in immer mehr kreativen und materiellen Produktionsprozessen zum Einsatz kommen, stellen langfristig eine ernstzunehmende Alternative zur Kopierbeschränkung dar und erzeugen auch gesellschaftlich mehr Wohlstand. Und sie werden sich, sofern man nicht den Weg eines allumfassenden Überwachungsstaates oder antitechnologischen Jihads geht, auch gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.
Dass du der Piratenpartei hier Beschränkung auf ein Thema vorwirfst beleuchtet nur deine Ignoranz zu diesem Thema, sei es weil du nicht über den Tellerrand des status quo hinausblicken willst, oder dir noch nie Gedanken zur Natur der heute quasi allgegenwärtigen informationstechnologischen Infrastruktur gemacht hast. Die Infragestellung der Kopierbeschränkungen bei gleichzeitiger Anerkennung eines angemessenen Vergütungsrechts führt zwangsläufig zur Stellung der Systemfrage. Die Technik ist da, und ihr Wesen ist die Kopie. In dem Zusammenhang verweise ich mal auf den guten Artikel von Isotopp: http://blog.koehntopp.de/archives/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtau...
Ja, die Piratenpartei hat keine universelle Lösung parat, aber eine Lösung wird wohl auch niemand konstruieren können, ohne dass diese zwangsläufig an der Realität vorbeilaufen wird. So wie es die derzeitige Verwertungsindustrie und das auf sie (und nicht auf den Urheber) maßgeschneiderte Urheberrecht tun! Die neuen Strukturen müssen erst wachsen. Das können sie aber auch nur, wenn man sie lässt, statt sie mit autoritärem Dünkel im Keim ersticken zu wollen. Wenn du jemanden mit einer menschlich tragbaren Lösung kennst, welche auch wirklich technologischen und kulturellen Fortschritt einbezieht statt sich in die eigene pupsgemütliche geistige Nostalgie zurückzuziehen und sich ignorant Augen und Ohren zuzuhalten, her damit! Ich bin gespannt! Bis dahin halte ich die Piraten noch für die, die am realistischsten an das Problem herangehen.
Weiterdenken!
Wieder nicht weiter nachgedacht als das, was man ohnehin schon kennt. Es geht den Piraten nicht um anarchische Freiheit, nicht um digitale Freibeuterkultur. Auf dem Bundesparteitag am 5. Juli, also letzten Sonntag, wurde es unter ausgelassenem Applaus bestätigt: "Wir sind keine Partei der Umsonstkultur!"
Hier offenbart sich eine kulturelle Spaltung die du nicht verstanden hast: Mit "frei" meinen (nicht nur) die Piraten nicht ein "frei" wie in "Freibier", sondern wie in "freie Entfaltung". Um mal zwei Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu zitieren:
[2.] Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.
An Absatz 2 von Artikel 27 zeigt sich eine scheinbare Einschränkung des Vorherigen - das ist aber nur dann der Fall, wenn man annimmt, die materiellen Interessen des Urhebers ließen sich nur durch künstliche Verknappung, nämlich die Einrichtung eines Kopiermonopols, erzielen. Und ja, es ist künstliche Verknappung, ganz gleich wie man zu einer mutmaßlichen Notwendigkeit dieser steht. Eine digitale Kopie anzufertigen verursacht effektiv keine Kosten. Und hundert digitale Kopien sind effektiv nicht mehr wert als eine. Ein virtueller Wert entsteht erst dann, wenn sich entweder die Kopien in einem produktiven Prozess nutzen lassen (was ein Wert für die Gesellschaft und nicht den ursprünglichen Urheber darstellt) oder aber sie durch Kriminalisierung der Kopie (und damit der Umwandlung des Urheber- in ein Kopierrecht) diesem Prozess entzieht.
Bis auf misanthropische Objektivisten, die durch die Piraten keine Stimme haben, will niemand den Schaffenden das eigene Leben erschweren. Nur ist die Kopierbeschränkung dafür eine denkbar schlechte Idee. Denn die einzige technische Möglichkeit der Durchsetzung dieser Beschränkung in Anbetracht der vorhandenen informationstechnischen Infrastruktur ist die totale Überwachung, nicht nur online, sondern überall. Wer das befürwortet ebnet den Weg in die Despotie. Und die Unterdrückung von Menschen und die Missachtung ihrer grundlegenden Rechte wegen technischem Fortschritt und einem irrationalen Festhalten an bestehende Geschäftsmodelle einiger Verwerterrechtsfetischisten kann und will ich nicht zulassen. Aus diesem Grund bin ich Pirat. Menschenrechte dürfen nicht dem Profitstreben zum Opfer fallen.
Es gibt nur drei Alternativen. Entweder verwehrt man sich jeder Änderung und in spätestens zwanzig Jahren bleiben nur die anderen beiden Alternativen übrig. Oder man versucht die Änderung des Gesellschaftsmodells durch autoritäre Zwangs- und Überwachungsmaßnahmen zu verhindern, wodurch man zwangsläufig ebenfalls das Gesellschaftsmodell hin zur Despotie verschiebt. Oder man stellt sich wirklich den Herausforderungen des Fortschritts und beginnt diesen als Chance zu begreifen. Alles andere führt letztendlich zu einer dieser drei (eigentlich zwei) Alternativen.
Die einzig sinnvolle und menschlich vertretbare Antwort auf den technischen Fortschritt und aus ihm folgend die universelle unbegrenzte Kopierbarkeit immaterieller Güter ist kultureller Fortschritt, und mit ihm eine Anpassung der Produktionsmethoden, bis hin zur Infragestellung des vorherrschenden Produktionsmodus. Kunst, Literatur und Musik haben vor einem restriktiven Urheberrecht existiert und werden es auch danach. Software hat sich unabhängig der Gesetzeslage ebenfalls außerhalb dieses Systems entwickelt, und hätte es auch gar nicht anders können. Patente und Kopierrechtsbeschränkungen können Sinn machen, sind aber in den heute geltenden Zeitintervallen eindeutig fortschritts- und produktionshemmend und damit, in ihrer heutigen Form, nicht mehr legitimierbar.
Kooperativ-kompetetive Produktionsformen, wie sie wissenschaftliche Arbeit seit Jahrhunderten beflügeln, und angefangen bei der Freie-Software-Bewegung heute in immer mehr kreativen und materiellen Produktionsprozessen zum Einsatz kommen, stellen langfristig eine ernstzunehmende Alternative zur Kopierbeschränkung dar und erzeugen auch gesellschaftlich mehr Wohlstand. Und sie werden sich, sofern man nicht den Weg eines allumfassenden Überwachungsstaates oder antitechnologischen Jihads geht, auch gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.
Dass du der Piratenpartei hier Beschränkung auf ein Thema vorwirfst beleuchtet nur deine Ignoranz zu diesem Thema, sei es weil du nicht über den Tellerrand des status quo hinausblicken willst, oder dir noch nie Gedanken zur Natur der heute quasi allgegenwärtigen informationstechnologischen Infrastruktur gemacht hast. Die Infragestellung der Kopierbeschränkungen bei gleichzeitiger Anerkennung eines angemessenen Vergütungsrechts führt zwangsläufig zur Stellung der Systemfrage. Die Technik ist da, und ihr Wesen ist die Kopie. In dem Zusammenhang verweise ich mal auf den guten Artikel von Isotopp:
http://blog.koehntopp.de/archives/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtau...
Ja, die Piratenpartei hat keine universelle Lösung parat, aber eine Lösung wird wohl auch niemand konstruieren können, ohne dass diese zwangsläufig an der Realität vorbeilaufen wird. So wie es die derzeitige Verwertungsindustrie und das auf sie (und nicht auf den Urheber) maßgeschneiderte Urheberrecht tun! Die neuen Strukturen müssen erst wachsen. Das können sie aber auch nur, wenn man sie lässt, statt sie mit autoritärem Dünkel im Keim ersticken zu wollen. Wenn du jemanden mit einer menschlich tragbaren Lösung kennst, welche auch wirklich technologischen und kulturellen Fortschritt einbezieht statt sich in die eigene pupsgemütliche geistige Nostalgie zurückzuziehen und sich ignorant Augen und Ohren zuzuhalten, her damit! Ich bin gespannt! Bis dahin halte ich die Piraten noch für die, die am realistischsten an das Problem herangehen.